Ehrenurkunde und Spendenschecks

Dreimal in der Woche steckt in meinem Briefkasten eine kostenlose Wochenzeitung. Neben den ganzen Werbeangeboten enthalten diese Zeitungen die aktuelle Veranstaltungstipps, Stellenanzeigen, Mitteilungen über Geburten und Todesfälle und der Rückblick auf lokale Ereignisse. Am interessantesten finde ich jedoch die Berichte, die von der Übergabe von Spendenschecks und Ehrenurkunden berichten. Die Bilder dazu spiegeln, in einer mir bisher unbewussten Art, unsere Gesellschaft wieder. Letzte Woche zum Beispiel. Gleich zwei Scheckübergaben. Die hiesige Genossenschaftsbank überreicht einer Schule einen Scheck von 15.000 Euro. Dieses Geld stammt aus dem Gewinn der Bank. Ein Gewinn der daraus besteht, Menschen Geld zu leihen und dafür Zinsen einzunehmen. Also ein Gewinn aus einem Geschäft mit heißer Luft. Damit nicht genug. Im Bericht zu dieser Scheckübergabe steht, dass jetzt außerschulische Projekte finanziert werden können, die vorher oft an zu geringen finanziellen Mitteln oder an Bürokratie gescheitert sind. Die Bank tritt also als Retter in der Not auf. Auf dem Foto sind die Vertreter der Schule zu sehen, rechts und links flankiert von zwei Vertretern der Bank, fast immer Männer in Anzügen und mit Krawatte. Nicht zu vergessen der riesige Scheck mit dem Logo der Bank im Vordergrund. Ein „stille Spende“ bringt ja keine neuen Kunden.  Alle sind fröhlich, jede Woche wird ein anderes Projekt unterstützt. „Ist doch toll Edwin. Was hast de denn? Stell dir mal vor wir hätten gar kein Zinssystem, dann könnte die Bank keine Gewinne machen und könnte die Schule und die vielen anderen Projekte nicht unterstützen?“. Naja sagte ich: „Wenn wir gar kein Zinssystem hätten, wären die Spenden gar nicht nötig, denn dann hielten der Staat und seine Bürger das Geld selbst in der Hand“. Die Antwort auf die Frage was gesünder, sozialer und vor allen Dingen unabhängiger ist, ergibt sich für mich von selbst. Solange wir am jetzigen Geldsystem festhalten müssen wir geduckt und bescheiden in allen Bereichen der Gesellschaft (in Schulen, Vereinen und sozialen Einrichtungen) rumlaufen und hoffen, dass die Bank uns Geld spendet. Wir müssen akzeptieren, dass die Vertreter dieser Bank für sich, auf unserem Rücken bzw. mit unserem Namen öffentlich wirksam, Werbung über diese Berichte und Fotos in den Wochenzeitungen machen.

Es lohnt sich die nächste Ausgabe der Wochenzeitung auf Fotos und Berichte dieser Art zu durchblättern. Sie werden auf ein nächstes Phänomen stoßen: die Übergabe von Ehrenurkunden an langjährige Mitarbeiter oder ehrenamtliche Helfer. Es ist fast immer das Gleiche auf diesen Fotos zu erkennen: Alte Menschen gezeichnet von ihrer Arbeitsleistung. Im Bericht stehen dann Sätze wie: „er hat jahrelange seine Zeit geopfert…“ oder „er hat mehr Zeit im Betrieb als mit seiner Frau und seinen Kinder verbracht“. Ja dann: „Herzlichen Glückwunsch Peter Hans Meier Müller, danke für Ihre Opfer, Sie erhalten nun unsere Ehrenurkunde und wir sehen uns dann nur noch einmal, auf Ihrer Beerdigung“. Ich habe gar nichts gegen Menschen die verantwortungsbewusst arbeiten  oder sich sozial engagieren. Im Gegenteil. Das Problem auf das ich, zugegeben etwas provokant, aufmerksam machen möchte ist, dass wir das Geld und die Gewinnmaximierung vor die Gesundheit der Menschen setzen. Wir müssen jeden Tag mehr Leistung bringen, obwohl der Ertrag für den einzelnen und für die Gesellschaft nicht wirklich steigt. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben wir immer Wirtschaftswachstum gehabt, doch der Wohlstand sinkt. Wir unterliegen der Illusion, dass die Möglichkeit zu konsumieren und zu besitzen uns reicher macht. Doch an „unserem“ Tag der Übergabe der Ehrenkunde werden wir ein letztes Mal geehrt und fallen dann aus dem Leistungsschema. Niemand fragt dann mehr nach uns, es ist egal ob wir dann auf dem Kranken- oder Sterbebett liegen oder im Altenheim einsam unsere letzten Tage verbringen. Warum wir dies kaum in Frage stellen liegt daran, dass wir alle Angst vor diesem Tag haben und uns irgendwie fit halten um ihn nicht zu erleben, diesen Tag. Wir nehmen Medikamente, Nahrungsergänzungsmittel, Kaffee und Energydrinks um Leistung zu bringen. Am Wochenende saufen wir uns auf Partys und Sportsevents „die Birne“ weg, damit wir mal runterkommen können vom ganzen Stress. Wir fressen irgendwelche Lebensmittel mit seltsamen Inhaltsstoffen als Unterlage um noch mehr Alkohol vertragen zu können. Was wir alles tun um dem Leistungsdruck stand zu halten würden diesen Text sprengen.  Viel schlimmer ist die Tatsache, dass wir diesen Zustand für normal halten und damit den Menschen, die aus dem Hamsterrad entweder freiwillig aussteigen möchten oder gezwungenermaßen rausfallen, intolerant gegenüberstehen. In unseren Köpfen ist wie in Stein gemeißelt, dass Menschen die nicht arbeiten wollen oder können asozial sind, weil sie dann von der Allgemeinheit leben. Ist es nicht eher asozial so zu tun als würde man arbeiten und in Wirklichkeit Geld für sich arbeiten lässt.

Jedenfalls stellen die Ausgaben für Arbeitslosengeld oder Hartz IV nur einen Bruchteil der jährlich durch legale Steuertricks auf irgendwelchen Inseln gebunkerten Gelder dar. Es ist nicht das Geld für Sozialleistungen, das uns allen fehlt, sondern das Geld das über Zinsen, Spekulation und Steuererleichterungen verloren geht. Das Geld ist ungerecht verteilt und das lässt alle Menschen in einen Wettbewerb treten. Einen Wettbewerb mit Siegern und Verlieren, in dem die jeweiligen angeblichen Sieger auf die jeweiligen Verlierer zeigen und sie für ihre angeblich schlechte Leistung verurteilen. Dabei ignorieren wir gerne, dass jeder von uns jemanden kennt, der uns als Verlierer bezeichnen könnte, auch wenn die Ebenen verschieden sind. Halten wir unsere Mitmenschen also nicht an einem Tag X mit einer Urkunde in Ehren, sondern jeden Tag mit dem Bewusstsein eine gerechte und soziale Welt funktioniert nur ohne Wettbewerb. Auch wenn das Gefühl eines Sieges großartig sein kann, es gibt immer einen Verlierer und beim nächsten Mal könnten wir es selbst sein. (E.K. 19.06.2014)