Der Ernst des Lebens

Ich kannte mal zwei Brüder. Der ältere, bereits mit 14 Jahren, ein begnadeter Fußballer. Ausgestattet mit feinster Technik, körperlicher Präsenz und Verständnis für die Mitspieler. Der jüngere, gesegnet mit schauspielerischem Talent, das schon früh Mitschüler, Eltern und Lehrer begeisterte. Eines hatten die beiden Brüder gemeinsam: Spielwitz. Der eine auf dem Platz und der andere auf der Bühne.

Der ältere war in der Schule nicht so gut, er verließ sie mit 15 und begann eine Lehre als Maurer. Der andere schrieb immer gute Noten, machte Abitur. Musste aber dann das studieren, was die Eltern gerne wollten: Betriebswirtschaft. Obwohl er eigentlich was Kreatives machen wollte.

Als sie beide Mitte zwanzig sind gründen sie zusammen ein Bauunternehmen. Der eine inzwischen Maurermeister und der andere diplomierter Betriebswirt. Sie bauen eine Halle, sie kaufen Maschinen, sie stellen Personal ein. Sie verschulden sich. Sie stellen sich dem „Ernst des Lebens“. Sie schaffen Arbeit und tragen Verantwortung. Sie sind fleißig, täglich für die Firma im Einsatz, denn alle Kosten müssen bezahlt sein. Aber was ist aus Ihren Talenten geworden?

Heute sind sie Anfang vierzig. Der ältere sitzt nach Feierabend in der Kneipe an der Theke. Trinkt ein Bier nach dem anderen, bis das Fußballspiel im Fernseher zu Ende ist. Selbst, hat er seit über 20 Jahren keinen Fußball mehr gespielt. Erst weil er keine Zeit hatte, dann weil die harte Arbeit sein Knie kaputt gemacht hat. Und heute hat er so viel Übergewicht, das er nur noch den talentierten Kickern im Fernseher mit Wehmut nachschauen kann.

Der jüngere, verheiratet, drei Kinder, hat zwei Wochen im Jahr Zeit für einen gemeinsamen Urlaub. Den Rest verbringt er, auch nach Feierabend, mit Kalkulationen vor dem Rechner zu Hause, bis er erschöpft ins Bett geht.

Das, was sie beide einmal gemeinsam hatten - den Spielwitz - haben sie eingetauscht gegen eine gemeinsame Firma, die sie nicht mehr loslässt bis an ihr Lebensende oder bis sie sich anders entscheiden.

Der Ernst des Lebens, man sagt auch die Zeit in der wir Erwachsen werden, ist also die Zeit, in der wir uns fürs Arbeiten entscheiden und in der wir vergessen welche Talente wir eigentlich haben?

Ich denke der „Ernst des Lebens“ übersieht den „Ernst der Lage“ welche Konsequenzen es für jeden einzelnen und am Ende für die Gesellschaft hat, wenn wir nicht unseren Talenten folgen dürfen.