Mit Pferd und Kutsche nach Duisburg

Beruflich bin ich viel auf deutschen Autobahnen unterwegs. Egal zu welcher Uhrzeit man seine Reise antritt, 24 Stunden am Tag ist auf den Straßen was los. Jeden Morgen werden in allen Radiosendern im Land kilometerlange Staus gemeldet. Als ich vor einiger Zeit, mit meinem damaligen Kollegen unterwegs zu einer Montage nach Duisburg fuhr, war es wieder soweit. Wir standen im Stau nach einem Auffahrunfall auf der Gegenfahrbahn. In beiden Richtungen entstand eine riesige „Warteschlange“. Auf der einen Seite verständlicherweise wegen des Unfallhindernisses und auf der anderen Seite weil jeder unbedingt rüber schauen musste, um seine aus den Medien geerbte Sensationslust zu befriedigen. Um genau hinsehen zu können was passiert war.  Meinem Kollegen und mir viel aber noch etwas anderes auf, während die Fahrer der Autos und LKWs irgendwie versuchten schneller weiterzukommen und hektisch von der einen auf die andere Spur wechselten: In jedem Fahrzeug saß, mit wenigen Ausnahmen, nur „einer oder eine“ drin. Die meisten PKWs waren Fahrzeuge der gehobenen Klasse. Wer noch nicht die Unfallstelle zum Gaffen erreicht hatte, packte sein Handy aus, wahrscheinlich um irgendwo im Netz die aktuelle Position oder Gefühlslage zu posten.  Der Rest zog zum Stressabbau an seiner soeben angezündeten  Zigarette oder schob sich schnell noch das am Morgen verpasste Frühstück rein. Was bei vielen das Gleiche zu sein scheint. Jedenfalls kam mir der Gedanke, wie wir wohl vor 200 Jahren die Möbel unseres Kunden nach Duisburg geliefert hätten. Wahrscheinlich wären wir mit zwei Pferden und einem Planwagen mehrere Tage unterwegs gewesen, hätten zwischendurch unter freiem Himmel übernachtet. Vielleicht hätten wir sogar unsere Kinder mitgenommen und ihnen das Land gezeigt. Jedenfalls wäre es eine spannende Reise geworden, die uns mehr Lebensqualität gebracht hätte, als topgekleidet in einer Luxuskarosse den „Kaffee to go“ zu schlürfen und im sinnfreien Warteraum einer 3-spurigen Autobahn zu hoffen rechtzeitig zur Arbeit zu kommen. Eine Arbeit, die uns die Möglichkeit gibt diesen überflüssigen Materialismus zu finanzieren.  Dieses Wirtschaftssystem raubt uns die Zeit für unsere Familie und damit unsere Lebensqualität. Einer Studie zufolge beträgt die Zeit für den Weg zur Arbeit und wieder nachhause ca. 90 Minuten.  Das Hamsterrad des ständigen Wirtschaftswachstums, das letztendlich nur wenigen zum Reichtum verhilft, macht die Masse der Menschen (ich nenne sie auch gerne Hamster) krank bzw. bringt Ihnen bei einem Auffahrunfall den Tod. Als ich mit meinem Kollegen dann an der Unfallstelle vorbeifuhr, haben wir natürlich auch rüber geschaut.  Einen kurzen Moment kam dann dieses unangenehme Kribbeln im Bauch, die Angst: "Das hättest auch du sein können". Kurz danach löste sich der Stau und wahrscheinlich auch wieder die Angst und alle gaben wieder Vollgas. Bis zum nächsten Stau, dorthin wo der nächste „Hamster“ durch einen Unfall aus dem „Rädchen“ fällt. (E.K. 19.06.2014)